Es ist einer der raren warmen, sonnigen Tage auf der Insel. Im Haus ist es kühl. Und still. Menne sitzt am Küchentisch. Es gibt nichts zu tun. Er hat die Gemüsebeete im Garten gegossen, sich zum Mittag ein paar Kartoffeln gekocht, bisschen Butter, Salz, ein Glas Milch. Die Rente ist knapp. Aber es macht ihm nichts aus, Kartoffeln isst er sowieso am liebsten. Nach dem Essen hat Menne die Küche aufgeräumt, das Bett gemacht, die beiden Katzen gefüttert. Jetzt langweilt er sich. Eigentlich braucht er keine Leute. Wer das Alleinsein nicht aushält, bleibt nicht lange hier. Es gibt Wiesen, Deiche, Schafe, das Watt und das Meer. Und sonst nicht viel. Im Sommer kommen ein paar Touristen auf die Insel. Alte Stammgäste und junge Städter, die ihre Ruhe wollen. Den Rest des Jahres sind die paar hundert Einheimischen unter sich. Die Winter sind hart. Kalt, dunkel und lang. Die Menschen graben sich dann ein in ihren Höfen und Häusern. Menne hat einen kleinen Kamin. Herrlich, wenn dort im Winter das Feuer brennt und draußen der Wind pfeift. Aber heute fällt Menne die Decke seines kleinen, alten Bauernhauses auf den Kopf. Er trottet über die kleine Hauptstraße in Richtung Hafen. Kaum ein Auto fährt vorbei. Wenn doch hebt Menne die Hand. Jeder kennt jeden auf der Insel. Und ihn sowieso. Er war nie woanders. Husum ist die weite Welt, Hamburg so weit weg wie der Mond.
Der „Hafenpub“ hat noch zu. Interessiert Menne aber eh nicht. Alkohol trinkt er nicht, das Essen ist ihm zu teuer. Ein Stück weiter stehen drei kleine Buden, die Fischbrötchen, Getränke und Süßigkeiten an die wenigen Touristen verkaufen. Menne kramt aus seinen ausgeleierten Hosentaschen ein paar Münzen hervor und kauft sich ein Eis. Dann schlurft er zu einem der Tische und setzt sich neben ein junges Paar. „Moin. Ich stör doch nich?“ Das Paar lächelt. Menne kneift die Augen zusammen und blinzelt aufs Meer. „Früher gab’s hier noch richtig Fisch. Wir ham riesen Seezungen rausgeholt.“ Er bereitet die Arme aus. „Obwohl, die kleineren schmecken noch besser. Heute is da nix mehr. Ein paar Schollen und ein paar Krabben, das is alles. Die großen Schiffe aus Holland fangen draußen alles weg, da bleibt hier nix übrig. Früher auf dem Hof hatten wir drei Milchkühe, damals war das ein Betrieb. Mich ham se nach der Schule aufn Trekker gesetzt, Fischkiste untern Arsch und los. Da war ich vielleicht sechs. Heute ham die ein paar hundert Kühe, da macht aber keiner mehr was. Einer sitzt vor seinen Bildschirmen, die Kühe können selbstständig zum Melkroboter gehen, wann die wollen, da wird dann automatisch gleich Fieber gemessen. Wenn eine es nicht mehr richtig bringt, kommt der Tierarzt, da wird dann gleich entschieden, weg mit der und dann kommt die nächste. Das ist kein Bauernhof mehr, das ist eine Industrie. Aber die können gar nicht anders. Die ganze Milch muss über die Fähre, das kostet dann zwei Cent pro Liter mehr. Wenn du dasselbe verdienen willst wie woanders, musst du aus deinem Boden mehr rausholen.“
Menne träumt. Das Eis schmilzt, etwas tropft auf seine Hose, ein bisschen klebt in seinem schütteren Bart. „Die neuen Wohnungen direkt am Hafen?“ Er spitzt die Lippen und macht ein Furzgeräusch. „Als wir unser Haus gebaut haben, wisst ihr, was das gekostet hat? Hundertfünfzigtausend Mark. Die Häuser, die sie heute bauen kosten eine Million. Das sind dann aber keine Leute von hier. Alles reiche Arschlöcher aus Berlin und Hamburg, die nur ein paarmal im Jahr herkommen. Die wissen nix. Und die verstehn auch nix. Führen sich aber auf.“ Er ist fertig mit seinem Eis, das Paar lächelt verlegen. „Früher hatten wir neben den drei Kühen noch Hühner und Gänse. Und drei, vier Schweine. Die ham wir im Sommer fett gemacht und im Winter ham wir die gefressen. Herrlich war das.“ Die Frau lächelt nervös, der Mann gibt Menne die Hand. „Vielen Dank für Ihre Gesellschaft, wir müssen dann mal los.“ Menne grinst. „Naja, nix für ungut. Moin moin, schönen Tach noch.“
Menne schlendert weiter bis ans äußerste Ende des kleinen Hafens und setzt sich auf eine Bank. Es riecht nach Teer und Meerwasser. Am Horizont sieht man die Küste, an der sich hunderte Windräder drehen. Nichts zieht ihn dort hin, die Insel hält ihn fest wie ein Magnet. Stört ihn nicht, ganz im Gegenteil. Menne schaut aufs Wasser. der hellblaue Himmel verschmilzt mit dem dunkelblauen Meer. Irgendwann schläft er auf der Bank ein.
Als er aufwacht, ist es dunkel. Die Sterne scheinen hier viel heller als an Land, es gibt wenig künstliches Licht auf der Insel. Menne starrt in die Weite. Minuten? Stunden? Das große weite Meer und der große weite Himmel machen auch Mennes kleines Herz ganz weit. Das Meer und der Himmel sind wie immer, wie früher. Kann man nicht zubauen oder an reiche Städter verkaufen. Menne nimmt das Meer und den Himmel mit nach Hause, mit ins Bett. Die Sterne und der Mond leuchten nun durch das Dach seines kleinen Hauses, die Wellen schwappen an die Wände, das Haus löst sich vom Land und schaukelt weit hinaus in die tiefe, schwarze See. Endlich all-ein.
schön 🙂
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:)!!
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