
Feierabend


Seit mehr als 50 Jahren ist der Verbrauchermarkt Wuttke am Bahnhof Zoo an 365 Tagen im Jahr geöffnet. Eine Institution. Man sagt, wenn früher in den Küchen der DDR-Staatsführung mal kurzfristig die Importware ausgegangen war, wurde ein Fahrer mit einem Packen Devisen zum Wuttke nach Westberlin geschickt, um das Fehlende zu besorgen. Bis heute kommt hier jederzeit jeder her, bei dem gerade etwas alle ist, oder der schnell was braucht. Schrippen, Spülmittel, Schnaps. Man merkt dem schlauchförmigen, fensterlosen Laden unter den S-Bahn-Gleisen das halbe Jahrhundert Renovierungs-Stau an. Alles wirkt abgewetzt, viele der Deckenplatten fehlen und geben den Blick auf dunkle Kabelschächte preis, an jeder Ecke riecht es auf eine andere Art komisch. Die Kassiererinnen wirken wie aus einer „So wars in der DDR-Doku“ – obwohl der Markt im Westen liegt. Und auch an der kleinen Kantine scheinen die Jahrzehnte, die draußen die ganze Stadt umgekrempelt haben, spurlos vorbei gegangen zu sein. Soljanka, Hühnerfrikassee, Kachelwurst, Kohlrouladen, Erbseneintopf und natürlich die obligatorische Boulette mit Kartoffelsalat und Senf. Mittags stehen die Leute an kleinen viereckigen Hochtischen und wärmen sich schweigend an den preiswerten Post-Wirtschaftswunder-Gerichten. Eine einsame Insel im Meer der Veggie-Bowl-Läden, Ramen-Shops und Flat-White-Arschloch-Cafes.
Weiterlesen „Nachtschicht“Es ist einer der raren warmen, sonnigen Tage auf der Insel. Im Haus ist es kühl. Und still. Menne sitzt am Küchentisch. Es gibt nichts zu tun. Er hat die Gemüsebeete im Garten gegossen, sich zum Mittag ein paar Kartoffeln gekocht, bisschen Butter, Salz, ein Glas Milch. Die Rente ist knapp. Aber es macht ihm nichts aus, Kartoffeln isst er sowieso am liebsten. Nach dem Essen hat Menne die Küche aufgeräumt, das Bett gemacht, die beiden Katzen gefüttert. Jetzt langweilt er sich. Eigentlich braucht er keine Leute. Wer das Alleinsein nicht aushält, bleibt nicht lange hier. Es gibt Wiesen, Deiche, Schafe, das Watt und das Meer. Und sonst nicht viel. Im Sommer kommen ein paar Touristen auf die Insel. Alte Stammgäste und junge Städter, die ihre Ruhe wollen. Den Rest des Jahres sind die paar hundert Einheimischen unter sich. Die Winter sind hart. Kalt, dunkel und lang. Die Menschen graben sich dann ein in ihren Höfen und Häusern. Menne hat einen kleinen Kamin. Herrlich, wenn dort im Winter das Feuer brennt und draußen der Wind pfeift. Aber heute fällt Menne die Decke seines kleinen, alten Bauernhauses auf den Kopf. Er trottet über die kleine Hauptstraße in Richtung Hafen. Kaum ein Auto fährt vorbei. Wenn doch hebt Menne die Hand. Jeder kennt jeden auf der Insel. Und ihn sowieso. Er war nie woanders. Husum ist die weite Welt, Hamburg so weit weg wie der Mond.
Weiterlesen „All-ein“Es ist kurz vor Mitternacht. Lorenzo sitzt an einem Tisch in der kleinen Trattoria, vor ihm ein Teller mit Tomatenscheiben, ein paar Zwiebelringen, Weißbrot und Olivenöl. Der letzte Gast ist schon vor zwei Stunden gegangen, und Lorenzo ist trotzdem noch hier. Er hat seinen keinen Vorbereitungsraum im Keller sauber gemacht, die Küche hat der Koch geputzt, Sofia die Tische im Restaurant abgeräumt und den Boden gewischt. Jetzt sind alle weg. Nur Lorenzo sitzt in einer Ecke des dunkeln kleinen Gastraums, lediglich das Licht der kleinen gläsernen Kühlvitrine in der Tagsüber die Antipasti liegen scheint matt bis zu seinem Tisch. Der Geschirrspüler in der Küche rauscht. Manchmal fährt draußen vor den großen Scheiben ein Auto vorbei. Sonst ist es still.
Weiterlesen „Da Sofia“Die Stadt kocht in der Spätsommerhitze. Heute ist der letzte Tag der Ferien. In die Rauchschwaden der Grills und die Musik aus den Handylautsprechern an der Isar mischt sich eine Prise Wehmut. Über das nahende Ende des Sommers, die Rückkehr ins Büro. Für Anton und Evi ist es ein ganz normaler Sonntag.
Weiterlesen „Haus am Fluss“Es ist heiter im Stüberl. Am Tresen sitzen die Stammgäste: Wastl, mit bereits rot angelaufener Halbglatze und verschmitztem Grinsen, Alfons, eine imposante, Ruhe, Freundlichkeit und Autorität ausstrahlende Erscheinung und Franzi, der ex- Verfassungsschützer, von dem man nie weiß, ob er einen gerade komplett auf den Arm nimmt oder seine Geschichte wahr ist, so unlesbar ist sein Pokerface. Hinter dem Tresen steht Gerdi, wie jeden Tag seit dreißig Jahren. Sie ist der wichtigste Grund, aus dem die Männer herkommen. Mutterersatz, Freundin, Schwester, alles zusammen.
Weiterlesen „Wie die Auster ins Stüberl kam“Schon wieder haben wir die Sonne verpasst. Naja, Sonne ist relativ. Zwischen sieben Uhr morgens und ein Uhr nachmittags wird es ein bisschen schummerig hell. Ein Uhr nachmittags – eine gute Zeit zum Frühstücken. Dann ist es schon wieder fast dunkel. Der Winter, er zieht sich. Ich bin nur eine Woche hier in Finnland, auf Familienbesuch. Weihnachten war wunderbar. Dunkel, ja. Aber warm und leuchtend. Jetzt sitzen wir im gut beheizten Wohnzimmer, hinter den großen Scheiben liegt der von einen Birkenwäldchen gesäumte Fluss in der Dunkelheit.
Weiterlesen „Grilli“Die Luft flirrt in der Mittagshitze. Es riecht nach gebackenem Asphalt, Bremsabrieb und trockenem Gras. Das kleine Dorf auf dem Kamm der Berge döst in der warmen Schwere. Es ist still, der Wind wirbelt Staub auf, der langsam zu Boden sinkt. Am Dorfrand öffnen sich weite, wilde Wiesen, mit Blumen und duftenden Kräutern, die in der Hitze ihre Essenzen freigeben. Ein Junge, vielleicht sieben Jahre alt, rennt über den Feldweg, in einer Senke in der Ferne, kurz vor dem Waldrand, glitzert ein kleiner Stausee.
Weiterlesen „Der Frosch“Münchner Speckgürtel, Ende Januar. Trüb, feucht. Ich wollte mal raus, aber habe auch unterirdische Laune. Verkatert, schlecht geschlafen, die bequeme Hose ist in der Wäsche, die aktuelle zwickt am Bund, mein T- Shirt ist auch zu kurz. Mir ist warm und kalt zugleich. Ich fühle mich wie grobe Leberwurst, die man in einen Wintermantel gestopft hat.
Weiterlesen „Angriff des zehnbeinigen Joggers“Franz ist vielleicht Mitte 50. Relativ schlank, kurze blondierte Haare. Fußballer, das sieht man sofort. Gegerbte Haut, stramme Waden. Ein richtiger Weiberheld. Jetzt liegt Franz eineinhalb Meter rechts von mir. Seine rechte Körperhälfte ist komplett regungslos. Mit der linken kann er ein bisschen was. Seinem Gesicht fehlt jegliche Mimik. Ist er wach, schaut er ins Leere. Oder auf den winzigen Fernseher an der Seite seines Bettes. Wenn der niedrig genug hängt, sieht er ein bisschen was. Am Fußende, wo Franz es immer im Blick hat, hängt ein Löwen Trikot mit bestimmt 30 Unterschriften von Freunden. FRANZE steht drauf, sein Spitzname.
Weiterlesen „Franz hat Geburtstag“