Es ist kurz vor Mitternacht. Lorenzo sitzt an einem Tisch in der kleinen Trattoria, vor ihm ein Teller mit Tomatenscheiben, ein paar Zwiebelringen, Weißbrot und Olivenöl. Der letzte Gast ist schon vor zwei Stunden gegangen, und Lorenzo ist trotzdem noch hier. Er hat seinen keinen Vorbereitungsraum im Keller sauber gemacht, die Küche hat der Koch geputzt, Sofia die Tische im Restaurant abgeräumt und den Boden gewischt. Jetzt sind alle weg. Nur Lorenzo sitzt in einer Ecke des dunkeln kleinen Gastraums, lediglich das Licht der kleinen gläsernen Kühlvitrine in der Tagsüber die Antipasti liegen scheint matt bis zu seinem Tisch. Der Geschirrspüler in der Küche rauscht. Manchmal fährt draußen vor den großen Scheiben ein Auto vorbei. Sonst ist es still.
Lorenzo könnte längst zu Hause sein. Die Wohnung, die er und Sofia bezogen haben, als sie vor vierzig Jahren nach Deutschland kamen und die Trattoria eröffneten, ist gleich um die Ecke im selben Haus. Aber Lorenzo will nicht nach Hause. Den ganzen Tag sehnt er sich nur nach diesem einen Moment. Endlich still, endlich allein. Wenigstens für ein Stündchen, vielleicht auch ein bisschen länger. Viel länger darf es nicht sein, das weiß er. Denn dann gibt es richtig Ärger. Sofia vermisst Lorenzo zwar nicht, ganz sicher nicht. Aber sie missgönnt ihm den Frieden. Es macht sie wütend, wenn Lorenzo Frieden hat weil sie selbst keinen hat. Und wenn Sofia wütend ist, dann wackeln die Wände. Lorenzo weiß nicht mehr, wie viele Köche Sofia allein in den letzten zehn Jahren verschlissen hat. Kaum einer bleibt länger als ein paar Monate, keiner kann es ihr recht machen. Früher stand sie selbst in der Küche. Es war ihr Leben. Die Gäste liebten sie und ihre einfachen, aber perfekten Gerichte. Spaghetti Pomodoro, Parmigiana di Melanzane, Kalbsschnitzel in Zitronensoße, Tiramisu. Essen das alle verstanden und alle liebten. Mehr brauchte es nicht, kaum Deko im schlichten Raum, keine Tischdecken, keine Kerzen. Nur Sofias Küche, und eine Ausstrahlung einer italienischen Mama, die man, wäre dies ein Film, für ein Klischee hielte.
In der Küche steht Sofia schon lange nicht mehr. Irgendwann machten der Rücken und die Knie nicht mehr mit. Schon morgens fällt es ihr schwer, aus dem Bett zu kommen, abends tut ihr sowieso alles weh. Dass sie nicht mehr kochen kann, wegen des dauernden Stehens, hat sie nicht verwunden. Ihren tiefen Groll lässt sie regelmäßig den Koch spüren. Immer ist etwas nicht richtig, mal fehlt ihr Salz im Pastawasser, mal ist zu viel Knoblauch an der Tomatensoße, er brät das Fleisch zu rosa, macht das Dressing zu süß und und und. Findet sie. Wenn es dem Koch doch einmal zu bunt wird und er sich wehrt, ist der Teufel los. Die kleine, gedrungene Frau kann brüllen, dass es der ganze Block hört. Die Wut scheint längst erstorbene Kräfte zu mobilisieren, die sie unbesiegbar machen. Gegen Sofia in Rage kommt niemand an. Und sie ist oft in Rage.
Trotzdem ist Sofia jeden Tag ab acht Uhr morgens im Restaurant. Wenn sie nicht mehr kann, setzt sie sich auf einen Stuhl vor dem Laden. Jeder im Viertel kennt sie. Sie sagt wahrscheinlich hundert Mal am Tag Hallo. Lorenzo grüßt kaum jemand. Man sieht ihn fast nicht, selbst wenn er vor einem steht. Er ist grau von Kopf bis Fuß. Die Haare, die Haut, der Schnurrbart, die Kleidung – alles grau. Natürliche Tarnfarbe, wie bei einem Oktopus, der die Farbe wechselt und so mit seiner Umgebung verschmilzt. Auch Lorenzo sitzt manchmal in sich zusammen gesunken vor dem Laden und raucht. Sollte ihn doch einmal jemand grüßen, brummelt er vor sich hin. Die meiste Zeit ist er unterwegs mit seinem klapperigen, schmutzig grauen Transporter, Lebensmittel und Getränke einkaufen. Nicht auf dem Großmarkt, manchmal nicht mal in der Metro sondern beim Discounter. Trotzdem könnten sie sich die Sachen zum gleichen Preis auch liefern lassen. Aber er will nicht, denn dann wäre er öfter da. Wenn er da ist, verzieht er sich in den Vorbereitungsraum im Keller, packt Lebensmittel aus und putzt Gemüse. Hauptsache nicht so nah bei Sofia.
Nur einmal im Jahr, zwischen Juli und September, verwandelt sich Lorenzo. Dann fährt Sofia für zweieinhalb Monate nach Italien. Ganz in den Süden. Ohne ihn. Es ist wie ein Wunder. Er zieht nicht mehr den Kopf ein, läuft weniger gebückt, bekommt sogar ein bisschen Farbe. Und er lächelt, gelegentlich. Den Rest des Jahres merken die meisten Menschen nicht einmal, dass er Italiener ist. Er sagt praktisch nichts. Und entspricht in seiner ganzen Art einfach nicht der Vorstellung, die Deutsche landläufig von Italienern haben. Jetzt wirkt er fast genau so klischeehaft italienisch, wie Sofia in ihren besten Jahren. Das Restaurant hat trotz Sofias Abwesenheit geöffnet. Der Koch kommt ohne Angst zur Arbeit, zum Bedienen helfen Sofias und Lorenzos erwachsene Kinder aus. Es ist Sommer, die Blätter der Bäume vor dem Haus rauschen, der schmale Bürgersteig wird zum Wohnzimmer. Lorenzo raucht, langsam, trinkt Espresso, manchmal auch einen kleinen Schnaps. Und spätestens um zehn macht er den Laden zu, geht nach Hause, setzt sich aufs Sofa und sieht fern. Herrlich, einfach so sitzen, ohne Angst vor dem nächsten Donnerwetter. Was für ein Leben.
Jetzt, kurz vor Mitternacht im finsteren Lokal, wirkt der Sommer unendlich weit weg. Am Wochenende sollen die Temperaturen auf zehn Grad fallen. Lorenzo schaut von seinem Teller auf und blinzelt durch die Scheiben in die Nacht. Lange hat er nicht mehr, dann muss er nach oben gehen. An Trennung haben er und Sofia nie gedacht. Nicht einen Moment. Einerseits, weil es sich nicht gehört. Aber auch, weil sie wissen, dass sie es genauso wenig ohne einander aushalten könnten, wie miteinander. Sie brauchen einander. Für das Restaurant, aber auch um in ihren Rollen zu bleiben. Ohne Sofia wüsste Lorenzo überhaupt nicht, was er machen sollte. Ihre Energie und ihr Charme waren es, die den Laden am Anfang zum Laufen brachten. Heute treibt sie Lorenzo an, zieht ihn jeden Tag ein Stück aus seinem Phlegma. Und er hat sich immer gekümmert. Ging der Herd kaputt, reparierte er ihn, lief das Klo über, machte er es wieder frei. Und es müssen hunderte Tonnen an Lebensmitteln, Wasserkisten und Küchenutensilien gewesen sein, die Lorenzo in all den Jahren vom Laden in den Transporter, von der Straße in den Keller und wieder nach oben in die Küche geschleppt hat. Das Restaurant, die Leute, die Arbeit, das alles ist ihr Leben. Ohne es würden sie sich auflösen.
Wenn man mutig ist und Sofia auf Lorenzo anspricht, wird ihr Blick erst zornig. Aber Gäste werden nicht angeschrien. Niemals. Wenn sich der Zorn dann löst, murmelt sie etwas von Familie. Und dann erzählt sie, wie lange sie schon zusammen sind, über fünfzig Jahre. Wie schwierig es am Anfang war, weg von zu Hause, ohne Geld, ohne Arbeit. Und wie sie sich zusammen Stück für Stück das kleine Lokal aufgebaut haben, das heute ihr Leben ist. Wenn sie das erzählt, wirkt sie auf einmal stolz. Nicht nur auf sich, sondern auf ihn und sie beide. Erwischen lässt sie sich dabei nicht, sagen würde sie es Lorenzo auch nicht. Aber er weiß es.
Ich weiß gar nicht recht, was ich eigentlich sagen möchte, außer vielleicht: Ungeheuer bewegend, ungeheuer genau beobachtet, ungeheuer exakt beschrieben. Mitfühlend auch. Allergrößter „Sport“, wie man so sagt. Literatur, ja. Finde ich, jedenfalls. (ich brauchte schon ein paar Minuten, bis ich Worte fand, so nahe geht die Geschichte von Sofia und Lorenzo….; wahrscheinlich will ich eigentlich sagen: Du hast es wirklich drauf, nicht nur beim Zubereiten gar nicht mal so kleiner kulinarischer Wunder)
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Es tut mir sehr leid, dass es ein Jahr gedauert hat, bis ich antworte. Die Seite ruht immer wieder, ich war einmal produktiver, aber zuletzt fielen mir immer weniger Dinge ein, die ich für wahrhaftig und zugleich erzählenswert halte. Aber es freut mich wirklich außerordentlich, solche wertschätzenden Kommentare zu lesen. Ganz herzlichen Dank dafür.
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