Seit mehr als 50 Jahren ist der Verbrauchermarkt Wuttke am Bahnhof Zoo an 365 Tagen im Jahr geöffnet. Eine Institution. Man sagt, wenn früher in den Küchen der DDR-Staatsführung mal kurzfristig die Importware ausgegangen war, wurde ein Fahrer mit einem Packen Devisen zum Wuttke nach Westberlin geschickt, um das Fehlende zu besorgen. Bis heute kommt hier jederzeit jeder her, bei dem gerade etwas alle ist, oder der schnell was braucht. Schrippen, Spülmittel, Schnaps. Man merkt dem schlauchförmigen, fensterlosen Laden unter den S-Bahn-Gleisen das halbe Jahrhundert Renovierungs-Stau an. Alles wirkt abgewetzt, viele der Deckenplatten fehlen und geben den Blick auf dunkle Kabelschächte preis, an jeder Ecke riecht es auf eine andere Art komisch. Die Kassiererinnen wirken wie aus einer „So wars in der DDR-Doku“ – obwohl der Markt im Westen liegt. Und auch an der kleinen Kantine scheinen die Jahrzehnte, die draußen die ganze Stadt umgekrempelt haben, spurlos vorbei gegangen zu sein. Soljanka, Hühnerfrikassee, Kachelwurst, Kohlrouladen, Erbseneintopf und natürlich die obligatorische Boulette mit Kartoffelsalat und Senf. Mittags stehen die Leute an kleinen viereckigen Hochtischen und wärmen sich schweigend an den preiswerten Post-Wirtschaftswunder-Gerichten. Eine einsame Insel im Meer der Veggie-Bowl-Läden, Ramen-Shops und Flat-White-Arschloch-Cafes.
Bis vor ungefähr zehn Jahren war den Markt noch Teil eines riesigen Komplexes aus 1-Euro-Läden, Sexshops, Pornokinos, Automatenspielhallen und unzähligen provisorisch zusammengezimmerten Imbiss-Ständen. Es roch nach Frittierfett, Zigarettenrauch, Pisse, Schimmel und undichten Abflussrohren. Die Klientel war, neben den Normalos, die vom Bahnhof in Richtung Ku’Damm drängten, entsprechend funky. An jeder Ecke wurde auf irgendwas gewartet, alles Mögliche vertickt und abends konnte es dann auch schon mal ungemütlich bis sehr hässlich werden. Irgendwann wurde der ganze Bau abgerissen. Mittelpunkt des Neubaus ist jetzt der Flagship Store der Billig-Textil-Kette „Primark“, dazu der obligatorische Starbucks, ein Donut Shop und ein Ableger eines lokalen Burger-Imperiums, im Untergeschoss haben ein paar Clubs eröffnet. Nur Wuttke ist geblieben.
Direkt neben einem der beiden Ein- und Ausgänge gibt es, auch schon seit 50 Jahren, einen Currywurst-Stand. Seit über 30 Jahren hat Erich hier die Nachtschicht. Er kommt aus dem Osten, zu DDR-Zeiten war er Techniker in einer Druckerei, nach der Wende machte der Laden dicht, komplett veraltet, die Maschinen stammten von kurz nach dem Krieg. Erich wurde arbeitslos, für einen richtigen Neuanfang fehlte ihm die Kraft. Irgendwann las er in der Zeitung von der Nacht-Stelle am Currywurst-Stand. Gegrillt hatte er schon immer gerne, auch war er schon lange allein und es machte ihm nichts aus, nachts zu arbeiten und tagsüber zu schlafen. Und so nimmt er seitdem fünfmal die Woche am frühen Abend die S-Bahn aus Marzahn zum Zoo und kommt im Morgengrauen heim.
Erichs Currywurst-Stand ist keine Berliner Institution, steht in keinem Touristenführer. In einer zur Straße gelegenen Nische des Gebäudes steht ein kleiner Tresen aus blank geputztem Metall und Glas. Das Innere der kleinen Küche ist braun gefliest. Hinten stehen Fritteuse und Kühlschrank, an der Tresen-Front zwei Grillplatten. In beiden steht fingerhoch das Fett. In der rechten brutzeln Schaschlik, ganz braun und mürbe, die Zwiebeln fast geschmolzen, das Fleisch löst sich langsam auf. Schaschlik gehen nicht mehr so gut wie früher. Und so richtig Mühe gibt sich Erich mit ihnen auch nicht. Einfach gefroren ins Fett und gut. Auf der linken Platte braten langsam die Currywürste. Mit Darm, leicht rosa, knackig, ein paarmal eingeritzt damit sie nicht platzen, eher eine Art gebratener Bockwurst. Auch irgendeine streng geheime Currysoße nach Jahrzehnte altem Hausrezept gibt es nicht. Ketchup, Currypulver und gut iss.
Erich macht weder um sich noch um den Laden viel Aufhebens. Er macht einfach seine Arbeit. Spurlos sind die Jahrzehnte zwischen Fritteusen-Dampf und Zugluft unter der S-Bahn-Brücke an ihm nicht vorüber gegangen. Das Stehen strengt ihn immer mehr an, die Füße, der Rücken. Vor drei Jahren wurde es zu arg, es kostete ihn maximale Beherrschung, seine Schicht zu Ende zu bringen. Seine Hüfte war hinüber, normal für einen Mann mit Anfang 70, der sein ganzes Leben lang körperlich gearbeitet hat, sagt sein Orthopäde. Erst wollte Erich sich nicht operieren lassen, schließlich ging es aber doch nicht anders. Seitdem ist es mal besser, mal auch richtig beschissen. Aber Erich ist keiner, der jammert. Überhaupt spricht er nicht viel. Für die Stammgäste gibt’s ein „Grüß Dich mein Lieber“, „hier mein Lieber“, „mach‘s gut mein Lieber“. Irgendwelche Lebensgeschichten gibt’s für niemanden. Politik, Sport, Berlin – Erich denkt zwar drüber nach, aber er mag nicht drüber reden. Braucht er nicht.
Heute ist Erich schlecht drauf. Über die letzten Jahre ist er immer dünner geworden, hat immer weniger Appetit. Er weiß auch nicht warum, vielleicht der ewige Wurst- und Pommes-Geruch. Jedenfalls ist ihm übel. Er friert, die Hüfte schmerzt. Es ist Freitagnacht viertel nach zwölf. Eine Gruppe aufgekratzter junger Männer kommt aus einem der Clubs, bestellt fünfmal Pommes rot-weiß und fünf Cola. Während sie auf die Pommes warten, prahlen sie mit ihren Aufriss-Erfolgen und schmieden Pläne, wohin sie als nächstes gehen, wo es die geilsten „Chayas“ gibt. Erich verdreht die Augen. Die Jungs schaffen nur die Hälfte ihrer Pommes, lassen den Rest auf den kleinen Tischen vor dem Laden stehen und verschwinden. Ein älterer Mann, der mit einer kleinen Flasche Schultheiß in der Hand am Tresen steht, zischt etwas von „Scheiß Kanacken“. Erich mochte die Typen zwar auch nicht, aber die Bemerkung macht ihn wütend. Sagen tut er nichts, ist schließlich Kundschaft.
Ein Stammgast kommt vorbei. Ein freundlicher Mann um die vierzig, der oft bei Erich reinschaut, wenn er auf Dienstreise in der Stadt ist. Ihm gefällt die kleine Nische unter der Brücke, die Wärme und das Licht, das sie abstrahlt. Nachts dort stehen, Currywurst mit Pommes rot-weiß, eine kalte Cola dazu – das ist für ihn seit Jahren ein Ritual nach anstrengenden Tagen. Er mag Erich. Auch wenn er nichts über ihn weiss, ahnt er doch vieles. Er war gestern Abend schon da, es war nett, sie haben sogar ein paar kurze Sätze gewechselt, über Erichs Hüfte und darüber, wie sich die Ecke in den letzten Jahren verändert hat. Heute ist Erich nicht nach Plaudern. Er ärgert sich immer noch über die dumme Bemerkung von eben, auch über die Jungs. Und irgendwie auch darüber, dass er gestern kurz aus seiner Rolle gefallen ist und etwas Persönliches von sich preisgegeben hat. Lässt man besser. Während Erich auf die Pommes wartet, will der Mann schon zahlen. „Mit Karte bitte, ich habe leider nichts Bares dabei“, sagt er. „Du zahlst doch nur mit Karte, weil Du kein Trinkgeld geben willst“ blafft Erich. „Du gibst nämlich nie Trinkgeld.“ Beide wissen, dass das nicht stimmt, im Gegenteil. Erich hat plötzlich so eine Wut. Er weiß auch nicht woher. In dem Moment, in dem er sich die gemeinen Worte sagen hört, tun sie ihm bereits leid. Der Mann ist verletzt, will aber nicht diskutieren. Als Currywurst und Pommes fertig sind, reicht Erich sie ihm wortlos. Der Mann stellt sich an einen Tisch möglichst weit weg aus Erichs Sichtfeld, isst schnell, still und nachdenklich und als er fertig ist, stellt er das leere Pappschälchen auf den Tresen.
Da blickt Erich auf und sagt: „Mach’s gut mein Lieber. Komm bald wieder.“ Und beide lächeln.