Es ist kalt. Saukalt. Mit dem Markusplatz im Rücken pflügt sich das Boot durch das pechschwarze Wasser der Lagune. Ungefähr 30 Minuten sind es von hier bis zum Anleger „Fondamente Nuove“, wo ich mein Zimmer habe. Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag. Die Stadt schläft. Vorbei ziehen stockdunkle Hafenanlagen, eine brüchig aussehende Werft. Gespenstisch beleuchtete Lastkräne. Es riecht frisch und modrig zugleich. Bei vielleicht drei Grad kriecht die feuchte Luft durch die Klamotten. Doch ich will nicht unter Deck. Zu morbide-schön das alles.
Irgendwann taucht das Krankenhaus aus dem Nebel auf, dann wieder mehr Wohnhäuser, mit kitschiger, blinkender Weihnachtsbeleuchtung. Und schließlich „mein“ Anleger. Schon zum zweiten Mal bin ich nun direkt an Weihnachten in Venedig. Im Sommer habe ich mich nicht her getraut – zu groß mein Graus davor, zusammen mit hunderttausenden Touristen in schwüler Hitze durch die Gassen geschoben zu werden. Das letzte Mal war es sonnig, frühlingshaft. Diesmal ist es kalt und nebelig. So, wie ich es mir eigentlich vorgestellt hatte. Und nachdem ich das letzte Mal in einem schicken Hotel direkt am Markusplatz gewohnt hatte, wollte ich diesmal ganz bewusst etwas anderes. Und so wohne ich in einem kleinen Appartement direkt am Ufer, die Einrichtung ist ein absolutes Durcheinander aus allem möglichen Stückwerk. Aber irgendwie hübsch. Es ist einigermaßen warm, aber auch feucht. Wenn man an die Wände fasst, bröselt einem an vielen Stellen der Putz entgegen. Das Bad ist ein winziges, unbeheiztes Loch, das man beim Duschen komplett unter Wasser setzt. Ich mag die kleine Küche und meinen runden, alten Esstisch.
Morgen kann man hier wieder einkaufen – wenn der Abend nicht zu lang wird, schaff ich es hoffentlich gleich früh auf den Fischmarkt nahe der Rialtobrücke.
Die Anreise hat gedauert. Ich bin müde und hungrig. Deshalb landete ich auch in der nächstbesten Trattoria, offensichtlich inklusive der Küchenmannschaft geführt von netten Chinesen. Die typisch venezianischen Fisch-Vorspeisen schmecken hervorragend. Besonders die Stockfischcreme und, mein absoluter Liebling, Sardinen in einem süß- sauren Essig Sud mit Zwiebeln, Rosinen und Pinienkernen. Und auch die Kalbsleber mit Polenta sind gut und zart, die Zwiebeln in der Soße praktisch aufgelöst, so wie sich das gehört. Noch einen Drink in der Bar an der Ecke. Drinnen: Ein ziemlich schräger, ziemlich betrunkener Haufen von Leuten ohne Familie. Ein echter Jazzfan ist dabei mit dem ich schnell ins Schwärmen komme. Und eine Hobby- Handleserin, die irgendwann unaufgefordert meine Hand packt, diese intensiv mustert und dann nur sagt: „the liver“. Auweia. Nach einigem Smalltalk und mehreren nach Zigarettenasche und Campari riechenden Wangenküsschen („one more for Christmas“) noch das Angebot von der Handleserin, dass ich mich melden könne, falls ich mich mal scheiden lasse. Nun ja…
Auf dem Heimweg bleibe ich an einem offenen Cocktailstand in einer der zahllosen Gassen kleben. Rundherum stehen Briten, Amerikaner und Italiener in bester Laune. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, heute nichts mehr zu trinken, die Andeutung mit „der Leber“ hatte mich ordentlich beunruhigt. Doch der Inhaber verteilt gerade Kostproben. Naja, einen Mojito wird die Leber wohl noch überstehen. Ich quatsche mich mit einem zusammen reisenden Mutter und Tochter Duo aus England fest. Letztes Jahr sei der Ehemann und Vater gestorben und sie wollten deshalb dieses Weihnachten nicht zu Hause sein. Wir trinken und schütten einander unsere Herzen aus, sind zwei Stunden lang die engsten Freunde. Das Licht des Cocktailstands erleuchtet in einem Umkreis von fünf Metern die Nacht, dahinter liegt feuchter, schwarzer Nebel. Wir fühlen uns wie am Lagerfeuer und sind irgendwann ordentlich betrunken und verabschieden uns schließlich herzlichst. Ich schwanke friedlich und beseelt noch zwei Minuten in meine Höhle. Und falle so melancholisch-froh ins Bett. Einer der Italiener hatte das Motto des Abends auf einen Kassenbon geschrieben. “Con l’alcool tuto facile.” Mit Alkohol ist alles leicht. Stimmt natürlich so nicht. Aber manchmal eben doch.