Das Kino hat mir meine beste Geschichte geklaut. Ich habe sie hin und wieder einmal Freunden erzählt, die wahrscheinlich dachten, dass ich spinne, oder zumindest übertreibe. Doch dann, vor ein paar Jahren, wurde eben diese, wirklich unglaubliche Geschichte unter dem Titel „Sushi in Suhl“ verfilmt.
Und sie geht so: In der südthüringischen Arbeiterstadt Suhl, einem Zentrum der DDR Jagdwaffen- und Motorradproduktion mit um die 60.000 Einwohnern, gab es einmal das Restaurant „Zum Waffenschmied“, benannt nach dem Wahrzeichen der Stadt. Die Küche bestand aus Rinderrouladen mit Klößen, Eintöpfen und diversen DDR-Standards. Der Betreiber und Koch des Restaurants, oder besser, der „Gaststätte“, hieß Rolf Anschütz. Ein verschlagen aussehender, explosiver, herrischer kleiner Mann mit Halbglatze und Brille. Typ Maikäfer. Irgendwann erfuhr dieser, ich meine, aus einem Buch, von den Klassikern und Ritualen japanischen Küche. Er war sofort gefangen. Und seitdem nicht weniger als besessen von dem Gedanken: „das mache ich auch“. Wohlgemerkt, wir sprechen hier von der DDR, Ende der 70er Jahre. Zu dieser Zeit waren japanische Restaurants selbst in der BRD die absolute Ausnahme. Und in der DDR war oft schon eine Flasche Tomatenketchup so etwas wie eine Delikatesse.
Anschütz probierte herum, für sein Sushi verwendete er anfangs Spinatblätter statt Nori-Algen, heimischen Karpfen statt Thunfisch und Milchreis, statt Sushireis. Und vermutlich Worchestersoße anstatt Sojasoße, Meerrettich anstatt Wasabi. Was dann genau passierte, ist nicht verbrieft, sicher ist nur: Zur selben Zeit war die DDR-Führung bemüht, diplomatische und wirtschaftliche Kontakte mit Japan aufzubauen. Als man vom „Waffenschmied“ erfuhr, genehmigte man Anschütz deshalb einen schönen Batzen knapper Devisen. Aus „Zum Waffenschmied“ wurde „Zum Waffenschmied – Thüringer Spezialitätenrestaurant mit Japanabteilung“. Anschütz bekam von nun an das richtige Zeug: Nori, Soja, Wasabi, Thunfisch. Und vieles mehr, denn er machte nicht nur Sushi, sondern wollte den Besuchern, die im Schnitt zwei Jahre auf einen Platz warten mussten, die ganze Bandbreite der japanischen Küche vemitteln. Ohne jedoch selbst auch nur ein einziges Mal in Japan gewesen zu sein. Er ließ sich ein Buch über die Küche und Esskultur aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzen. Und baute das Obergeschoss des Waffenschmied nach seinem Japan-Bild um.
Bis zu diesem Punkt gebe ich wieder, was ich aus zweiter Hand über diesen Ort erfahren habe. Nun folgt das Erlebte, wiederrum eines vielleicht Achtjährigen, der, nicht zuletzt auch dank guter Kontakte der Familie, einmal den „Waffenschmied“ besuchen durfte. Der Abend begann mit dem Umkleiden: Mit Kimonos (!) bekleidete Thüringer (!!) Geishas (!!!) nahmen die Gäste in Empfang. Alle zogen die Schuhe aus, denn im gesamten Restaurant lief man in kleinen Pantoffeln. Dann musste auch der Rest der Klamotten weg und jeder Gast bekam einen eigenen Kimono. Wo Anschütz die Dinger herbekam, wird sein Geheimnis bleiben. Vor dem Essen stand das Baderitual. In einem gekachelten Raum befand sich ein kleines Schwimmbecken mit warmem Wasser. Zuerst begaben sich die Männer, splitternackt, gesammelt ins Bad, machten es sich gemütlich und freuten sich schon auf den zweiten Teil: Die Damen folgten, ebenfalls komplett nackig und stiegen vor den Augen der Herren in das von Plastikpflanzen umwucherte Becken. Schließlich wurden kleine Holzschiffchen zu Wasser gelassen, auf denen Glässchen mit Sake standen. Anschütz kam herein und erklärte die traditionelle Bedeutung des Bades.
War dieses vorbei, schlüpften alle wieder in Kimono und Pantoffeln und folgten dem Meister in den Hauptraum. Dort gab es keine Tische oder Stühle sondern man saß auf ebenerdig um große Holz- Tischplatten und für die Beine hatte Anschütz Vertiefungen in den Boden eingelassen. Er saß als Zeremonienmeister am Kopf der Tafel, erzählte von Japan, seinen Bräuchen, der Sprache, der Kultur und natürlich der Küche. Was es ganz genau zu essen gab, weiss ich ehrlich gesagt nicht mehr. Aber zwei Dinge haben mich nachhaltig geprägt. Zum einen war es der Geschmack von Sojasoße, der mich einfach umhaute. Ich war jahrelang regelrecht süchtig nach ihr und irgendwie schafften es meine Eltern, vermutlich über den Draht zu Anschütz, immer auch eine kleine Menge im Haus zu haben. Die echte Kikoman. Ein Schatz. Mein größter Wunsch, an meinem Geburtstag einmal ein kleines Glässchen pur trinken zu dürfen, blieb mir verwehrt. Deshalb trinke ich heute gelegentlich, wenn keiner schaut, die Sojasoßen- Reste vom Sushi-Essen aus dem Schälchen. Und deshalb ist es auch heute noch so, dass mir selbst mittelmäßiges asiatisches Essen immer noch wirklich gut schmeckt. Das andere Ding war das mit den Stäbchen. Seit unserem Besuch bei Anschütz, aß ich ALLES mit Stäbchen, egal, ob asiatisch, oder nicht. Bis heute liegen sie mir so natürlich in der Hand, als hätte ich nie mit Messer und Gabel gegessen. Und so kam es, dass für mich, ein Kind der DDR, Sojasoße ein Kindheitsgeschmack, und Essstäbchen eine Selbstverständlichkeit wurden.
Die Geschichte von Rolf Anschütz indes, ist für mich eine zwiespältige. Einerseits ist es die eines Getriebenen, eines Besessenen, eines Träumers, der sich etwas Unmögliches in den Kopf setzte und die Sturheit, Energie und sicher auch das Glück hatte, seinen Traum wahr werden zu lassen. Aber mit ziemlicher Sicherheit gehörten auch eine ordentliche Portion Größenwahn und eine Prise Ignoranz dazu. Als Anschütz später tatsächlich nach Japan reiste, war er schockiert, wie hektisch und modern das Land war. „Sein“ Japan, dass er sich in Thüringen nachgebaut hatte, war ganz klar das der Vergangenheit gewesen. Viele Rituale und Gerichte längst verschwunden oder überhaupt falsch übermittelt. Nach der Wende stand den Leuten auch nicht mehr so sehr nach Sushi in Suhl. Eher nach Schweinsbraten in München und Currywurst in Berlin. Die Industriestadt Suhl schrumpfte, Jagdwaffen- und Zweirad-Industrie kollabierten. Wer es sich leisten konnte, entdeckte die Welt jetzt mit eigenen Augen. Anschütz schloss den Waffenschmied und eröffnete im nicht weit entfernten Wintersportort Oberhof ein Japanhotel mit Restaurant. Nur: Wer jetzt auf den Kamm des Thüringer Waldes reiste, sehnte sich nicht nach Sushi oder Sukiyaki. Der wollte Bratwurst und Thüringer Klöße, am besten gleich zusammen. Irgendwann schloss das Haus und Anschütz, der, so sagt man, schon oder besonders zu Zeiten des Erfolges ein durchaus unangenehmer Zeitgenosse war, zog sich aus der Gastronomie zurück. Was bleibt, ist ein Märchen, von einem, der gegen alle Vernunft seiner Überzeugung folgte. Und für mich: Sojasoße und Essstäbchen. Und die Lust, mir neue, fremde Kulturen zu erschmecken und zu erkochen.