In der Küche mit Papa

Ich habe es ja schon geschrieben: Die ersten Schritte meiner kulinarischen Sozialisation fanden in der DDR statt. Einem Land, dass es nicht mehr gibt und dessen Küche heute außerhalb dessen ehemaliger Grenzen auch kaum mehr jemanden zu interessieren scheint. Und die von Mangel an Zutaten und Wettbewerb und einer von oben verordneten Uniformität geprägte offizielle Einheitsküche ist dann auch über weite Strecken heute nicht mehr der Rede wert, wenn man mal von (durchaus legitimen) nostalgischen Gefühlen absieht.

Doch genauso wie im Westen gab es auch in der DDR eine durchaus vielfältige Regionen-Küche. Im Falle meiner Heimat Thüringen, heißt das vor allem: Die ehrlich besten Bratwürste, immer frisch, unbedingt vom Holzkohlegrill, dick, saftig, perfekt gewürzt. Und überhaupt: Handwerklich gemachte Wurst in tausend Varianten, Droge, bis heute. Außerdem in Thüringen eine Religion: Bratensonntage mit dicken, mürben Rinderrouladen und Thüringer Klößen, hausgemacht und unvergesslich kartoffelig, Dazu Selleriesalat mit Kümmel, Bohnensalat mit Zwiebeln. Und Kaffeetafeln mit Omas Hefe-Blechkuchen wie ich ihn nie, nie, nie wieder gekriegt habe – mit Quark und Rosinen, Mohn, Rhabarber, roten Johannisbeeren, butterigen Streuseln. Und natürlich alles aus dem kleinen, eigenen Garten: Tomatenbrote von der Erne aus Opas Gewächshaus, eingelegte Gurken, fette, reife Stachelbeeren, wie man sie für Geld nicht kaufen kann, Radieschen, so scharf, dass einem die Tränen kamen.

Da man sich in einem Land, dass seine Bürger lebendig eingemauert hatte, den Rest der Welt nicht er-schmecken konnte, holte man sich zumindest ein Stück von ihr, bzw. das, was man dafür hielt, nach Hause. Mein Vater war schon damals das, was man heute einen Foodie nennen würde. Alles, was der Garten hergab, wurde benutzt, um etwas Neues zu basteln: Vor allem Chutneys waren hoch im Kurs, gaben sie doch den heimischen Gerichten einen exotisch süß-sauer-scharfen Kick. Und auch die Paprika- und Knoblauch-starke Küche unserer östlichen Nachbarn Tschechien und Ungarn brachte Wumms in unseren Speiseplan. Und wir Thüringer waren große Griller. Unter einem Rosbrätel, in Bier, Senf und Zwiebeln marinierten Nackensteaks, einer Bratwurst und zwei drei Cevapcici kam man nicht davon. Essen, das war in der DDR-Gemeinschaft, Wärme, Zuhause, Sicherheit.

Nach der Wende öffnete sich für meinen Vater und seine Neugier eine ganze Welt, auch kulinarisch. Papa hatte die Schnauze tüchtig voll vom Osten. Andere hatten Angst vor Veränderung, er wollte raus. Nach vorne. Wohl auch daran zerbrach die Ehe meiner Eltern, kurz nach der Wiedervereinigung. Endlich, so schien es, konnte mein Vater echt machen, was er wollte. Ich kann mich noch gut an einen Anruf erinnern. Papa, aufgeregt: „Ich hab Risotto gemacht. Das ist wie Milchreis, aber sowas von gut und würzig. Das müssen wir mal zusammen machen.“ Haben wir. Immer wieder, bestimmt hundertmal. Ich weiß noch genau, wie das erste ging – mit Hühnerbrühe aus dem Glas, aber sonst – dem echten, richtigen Rundkornreis und Parmesan, damals wirklich exotisch. Überhaupt gab es bei Papa im Plattenbau, obwohl die Kohle nicht gerade sprudelte, vieles gefühlt früher, als der Trend das überall hin spülte: Rucola, Lammfleisch, Ingwer, Balsamico, Currypulver, Kokosmilch. Bloß raus aus dem Mief. Was Neues, Tolles kochen!

Heute haben wir so viel Wissen und so viele Zutaten zur Verfügung, dass es fast schon wieder anstrengend ist. In dem ganzen Überfluss trete ich oft einen Schritt zurück und frage mich, was ich und die Menschen um mich rum wirklich essen wollen. Und auch in der Hinsicht habe ich etwas von meinem Vater gelernt: Nicht überwältigen, nicht beeindrucken, sondern einfach etwas kochen, dass alle mögen und bei dem sie sich wohl fühlen und eine gute Zeit haben. Kurz: Dass nicht das, was auf dem Tisch steht der Mittelpunkt ist, sondern die Menschen, die drumherum sitzen.

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