Grilli

Schon wieder haben wir die Sonne verpasst. Naja, Sonne ist relativ. Zwischen sieben Uhr morgens und ein Uhr nachmittags wird es ein bisschen schummerig hell. Ein Uhr nachmittags – eine gute Zeit zum Frühstücken. Dann ist es schon wieder fast dunkel. Der Winter, er zieht sich. Ich bin nur eine Woche hier in Finnland, auf Familienbesuch. Weihnachten war wunderbar. Dunkel, ja. Aber warm und leuchtend. Jetzt sitzen wir im gut beheizten Wohnzimmer, hinter den großen Scheiben liegt der von einen Birkenwäldchen gesäumte Fluss in der Dunkelheit.

Wir haben schon alle alten VHS Kassetten durch. Mehrfach. Draußen sind es locker minus 20 Grad. Eher minus 25. Egal wie viele Schichten Klamotten man anzieht, die Kälte kriecht bald hindurch. Kälter als kalt. Der Schnee knirscht wie Mehl unter den Füßen. Wenn man zu tief einatmet, muss man husten. Finnland im Winter, das ist nichts für Weicheier. Die Menschen haben gelernt, allein zu sein. Fast könnte man meinen, es sei ihnen lieber so. Eine der größten Unhöflichkeiten, die man einem Finnen antun kann: Ihm oder ihr übermäßig auf die Pelle zu rücken. Der Tag zieht sich, die Zeit kriecht. Der Winter dehnt sich, eine ewige Abfolge von Dämmerlicht und Dunkelheit, die vielen an die Substanz geht. Sie richtet den Blick nach innen, und wenn es da auch düster aussieht, kommt man schwer über die Runden.
Der finnische Sommer hingegen, fliegt dahin. Am liebsten sind die Menschen dann im „Mökki“, der Familienhütte am See. Ein geradezu heiliger Ort der Ruhe und Erholung. Es heisst, für einen Außenstehenden oder Fremden sei es leichter, Sex mit einem Finnen zu haben, als auf die Hütte eingeladen zu werden.

Der Tag ist gefüllt mit Schweigen, rauschenden Blättern, dem Gluckern des Sees. Manchmal hört man aus der Ferne einen Zug, manchmal schnattert eine Ente. Sonst hört man nichts. Und sagt auch nicht viel. Verrichtungen werden zu Meditationen: Aufstehen, Wasser holen, Kaffee aufsetzen. Später etwas Kochen, schwimmen, schlafen. Dann, unbedingt, nochmal Kaffee und Pulla, ein Hefeteiggebäck mit viel Kardamon. Später wird die Sauna angeheizt, dann Feuer machen, Würstchen grillen, Bier und mehr Schweigen, ins Feuer und in den roten Nachthimmel schauen. Und irgendwann feststellen, dass es nicht halb acht abends, sondern halb vier Uhr morgens ist. Die warme, helle Zeit: Für die Finnen unendlich kostbar. Ein Mythos. Eine Sehnsucht. Ein riesengroßes Gefühl. Nicht noch ein Jahr leben, eher nur noch einen Sommer lang. Einen Sommer, der sich kaum in Monaten, sondern vielmehr in Wochen bemisst. Jede so kostbar, wie die letzten Atemzüge. Auch wenn wir heute noch gerade eben davongekommen sind, morgen kann es schon zu Ende sein.

Doch der Sommer ist jetzt, Ende Dezember, noch weit hin. Die Dunkelheit sickert in jede Ritze. Die Welt wird langsam, zäh, innig. Irgendwann, es kann abends um sieben sein, viel wahrscheinlicher ist es aber gegen elf Uhr nachts, geht uns das Drinnsein endgültig auf die Nerven. Die Bars, sofern sie auf dem Dorf überhaupt noch offen haben, sind jetzt keine guten Orte mehr. Hier hin schwemmt es am späten Abend die Leute hin, die gegen die Dunkelheit und Kälte mit reichlich Bier und Vodka antrinken. Und zu späterer Stunde kann es ziemlich rau und deprimierend werden. Es gibt Leute, die finden ihren Rhythmus und ihren Frieden in der dunklen Zeit. Und es gibt Leute, die gehen mit allen Mitteln gegen ihn an.

Ich habe den berüchtigten finnischen Exzess kaum zu sehen bekommen, wahrscheinlich auch besser so. Aber zum Grill fahren, das könnte man nun echt mal wieder. “Grilli” auf Finnisch, eines der wenigen Worte, die man auch als Deutscher versteht. Hauptsache mal raus, aber bloß nicht zu lange im Freien, wo einem der Atem im Hals gefriert. Der Motor stottert. Scheiße-kalt. Trotz Garage und Standheizung. Geht aber dann doch. Wir pflügen uns langsam durch Schnee und Dunkelheit. An der Bude in der Mitte eines Parkplatzes ist ganz gut was los. Zu Fuß kommt bei der Kälte wirklich keiner, die Leute sitzen in ihren Autos und essen. Der Grilli ist für die Finnen das, was für die Berliner die Currywurst- Bude und für die Wiener der Würstlstand ist. Im Sommer treffen sich hier die Halbstarken. Und spät in der Nacht, natürlich besonders in den Städten, die Leute, die nachts noch Hunger kriegen und noch nicht heim wollen.

Es ist ein Zustand, der mir sehr vertraut ist. Im Winter schwingt dieses Gefühl der kurzen Sommer noch mit. Mitten in der Nacht noch außer Haus was essen. Alkohol gibt es nicht, ist verboten und wohl auch besser so. Mein liebstes Ding, vom ersten Mal an: „Makkaraperunat“. Wurst mit Kartoffeln. Heißt: In die Fritteuse schmeißt man TK Pommes und Fleischwurst-Würfel. Doch entscheidend sind die Toppings: Gurken-Relish, Ketchup, Currymayonaise, Senf, Zwiebeln, Eisbergsalat, Chilisoße… Am besten sagt man „kaikilla mausteilla“ – mit allem. Auch auf das Risiko eines Schlags Dosenananas. Dazu: Klassisch ein Päckchen Milch.

Und jetzt: Draußen essen und alles gefriert. Im Schneckentempo heimfahren und alles weicht durch. Also zurück ins Auto. Standheizung an. Milch auf. Radio an. Schachtel auf, Gabel rein. Irgendwann vermatscht alles zu einer süß-salzig- fettig-würzigen Mischung. Draußen in der schwarzen Nacht klirrt die Kälte. Drinnen wird es warm und weich, im Autoradio sing Freddie Mercury, bald ist die Frontscheibe zugeschneit. Noch ein paar Wochen , dann werden die Tage wieder heller und irgendwann, nach einem nassen Frühling, kommt ein neuer, kurzer, kostbarer Sommer.

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