Die Milch ist lauwarm, vor 30 Sekunden war sie noch in der Kuh. Sie riecht ein bisschen nach Heu. Glaube ich. Vielleicht ist das aber auch nur der Stallgeruch. Ganz normale Milch, tausendmal getrunken. Aber noch nie in direkter Euter-Nähe.
Es kostet fast ein bisschen Überwindung. Die Milch schmeckt etwas süß, leicht fett. Um genau zu sein: Sechs Prozent, wie Bauer Jörgl sagt. Aber nicht fettig. Reich, lebendig, breit, ein bisschen grasig, ganz leicht käsig. Damit man diese Milch bekommt, muss erst der Tierarzt kommen und zur richtigen Zeit den großen Gummihandschuh anziehen und bis zur Schulter rein in die Kuh. Die muss das Kalb bekommen und großziehen. Auf den Wiesen muss der Schnee tauen, das Gras wachsen, der Sommer kommen. Dann muss der Bauer das Gras mähen, das Wetter muss passen, die Sonne muss es trocknen, dann wird es zu Heu. Wenn die Zeit reif ist, kommt der Bauer mit dem Traktor, bringt es zum Hof, schleppt es auf den Heuboden. Zweimal am Tag muss er in den Stall, sechs Uhr morgens und abends, dann schaufelt er das Heu durch ein Loch im Boden nach unten in den Stall und verteilt es an das gute Dutzend Kühe. Und auch zwei Mal am Tag werden die Kühe gemolken. Und dann, nur dann, kriege ich meinen Schluck Milch. Er selbst, sagt Jörgl, trinke keine Milch, nur im Kaffee. Regelmäßig kommt ein Tankwagen von der Molkerei und holt die Milch ab. 40 Cent pro Liter sind, zumindest in Deutschland, lange schon das Kampf- Ziel der Bauern. Bauer Jörgl kriegt das für seine Biomilch nicht annähernd. Aber er beklagt sich nicht. Ganz im Gegenteil: Er scheint ein grund-froher Mann, mit sich und der Welt wirklich im Reinen. Ein stattlicher, schöner Kerl, mit gebräunter Haut, Lachfalten, leuchtenden Augen. Ob er es von der vielen Arbeit im Rücken habe, will ich wissen. Nein, von der Arbeit werde der Rücken nur besser, richtig Rückenschmerzen kriegt man eher im Büro.
Ob es einsam sei hier oben auf 1000 Metern Höhe frage ich. Auch das verneint er. Gleich kommt Nachbar, der beste Baggerfahrer im ganzen Tal. Alle kennen und helfen einander. Bald sitzen wir gemeinsam auf der Holzbank vor dem Haus, die Sonne scheint über die Berggipfel, das schwarz gebeizte, verwitterte Holz der Hauswand strahlt Wärme ab. Birnenschnaps für alle, selbstgebrannt, mit Früchten von den Bäumen, die direkt vor uns stehen. Corona ist weit weg, der Krieg in der Ukraine auch. Wenn die Russen rüber schießen, dann wandern er und seine Familie in die Steiermark aus, sagt Jörgl, die ist immer dreißig Jahre hinterher. Lachen, mehr Schnaps. Nein, ernsthaft: Sie seien Selbstversorger. Gemüse kommt aus dem Garten, es gibt Hühner, die Kühe, im Sommer auch ein paar Schweine. Und weiter oben, am Waldrand, grasen drei Black Angus Rinder, für Fleisch.
Wir reden übers Essen und Trinken, über den Graus der modernen Fleischproduktion, darüber, wie toll das Fleisch der eigenen Rinder schmeckt, auch darüber, dass er hier auf dem Hof schlachten kann. Er kriegt es so hin, dass das Tier es gar nicht merkt, sagt der Bauer. Ich glaube ihm, wirklich. Ich darf noch im Traktor sitzen, was mir irgendwie peinlich ist. Ich schätze, ich war nie der Technik-Freak. Aber ich merke Jörgls Stolz, so von Mann zu Mann. Im Stall gibt es eine kleine Räucherkammer, daneben einen Kühlraum. Schon wieder viel mehr meins. Jörgl zeigt mir die Schätze aus der letzten Räucher-Runde. Und drückt mir ein Stück vakuumiertes, dunkelrot leuchtendes, geräuchertes Rinderfilet in die Hand. Erst die Milch, dann der Schnaps, und jetzt das. Ich bin ehrlich ergriffen. Geld will er nicht, auch nach mehrmaligem Drängen meinerseits. Nur dünn aufschneiden solle ich es. Ich fantasiere von Kürbiskern- Vinaigrette, Meerrettich… Nein, Blödsinn. Eigentlich wirklich maximal ein paar Tropfen Olivenöl, vielleicht ein paar Parmesanspäne und ein kleines bisschen Pfeffer. Mit ein paar Leuten, die ich wirklich mag, und die das zu schätzen wissen. So ein Stück Natur, die Essenz aus vielen, vielen Kilo frischem Gras und Wiesenkräutern, der Luft vom Waldrand, dem Wasser aus dem Bach. Ich glaube, der Bauer würde es wohl nicht in die gleichen Worte fassen, aber einig sind wir uns trotzdem. Eigentlich alles ganz normal, so, wie es sein soll. Aber so, wie es nur ganz selten ist.