Ein finsteres Waldstück irgendwo am Stadtrand von Mannheim. Vor einem grauen Flachbau stehen an die fünfzig große schwarze BMW und Mercedes. Ich parke meinen Skoda am Rand und schleppe meinen Schlagzeug-Kram nach drinnen. Es ist schon gut voll. Der Alte hat Geburtstag und alle sind gekommen.
Die erweitere Großfamilie umfasst bestimmt hundert Leute. Schrotthändler-Dynastie, alle im feinsten Zwirn, die schwarzen, vor Gel glänzenden Haare akkurat gekämmt, die Strich-dünnen Oberlippenbärtchen penibel getrimmt. Frauen sind keine da, eine reine Männerrunde. Wir sind eine von zwei Bands, die am Abend abwechselnd spielen sollen. Der Sohn des Alten ist ein Kumpel unserer Sängerin. Die andere Band spielt Gipsy-Jazz im Django Stil. Mit Geige und Keyboard-Burg. Wow, toll!, denke ich, mit denen jammen wir sicher am Ende des Abends zusammen. Ich freue mich schon. So Kulturen-verbindend und alles.
Wir bauen neben der „Hausband“ auf, dann ab ins Hinterzimmer. Ich habe meinen guten Anzug mitgebracht, es war schon vorher klar, dass die Familie viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legt. Wird ein langer Abend, denke ich. Beim Soundcheck schon ziemliche Erleichterung, die andere Band spielt ein ähnliches Repertoire wie wir, nur ein bisschen anders im Klang, aber im Großen und Ganzen doch Jazz. Passt. Meine Sorge, unser Kram, den der Sohn des Alten quasi als Überraschung gebucht hat, könnte nicht reinpassen, scheint unberechtigt. Nochmal in den Spiegel geschaut und los.
Die Gesellschaft hat sich gesetzt. An einem großen, runden Tisch, ganz vorne und ganz in der Mitte, mit direktem Blick auf uns, thront der Alte. Um ihn herum offensichtlich die engsten Familienmitglieder. Wir spielen „Autumn Leaves“, ein guter Einstieg, total bekannt, nicht zu laut, nicht zu verfrickelt. Schön, denke ich, Musik verbindet, und Jazz- Liebhaber sind sich eh immer grün. Und so eine gute Sängerin hatten wir auch schon lange nicht mehr dabei. Als das Stück zu Ende ist, tröpfelnder Applaus. Nicht schlimm, eher normal für solche Dinner-Gigs. Der Alte winkt mit einer kleinen Handbewegung seinen Sohn heran, es sieht ungelogen aus, wie eine Szene aus dem „Paten“. Der Sohn beugt sich zu ihm hinunter, der Alte spricht. Dann kommt der Sohn zu uns und sagt knapp und trocken: „Der Alte möchte, dass ihr abhaut.“
Ich brauche einen Moment, um das Gesagte zu kapieren. Rundherum ist es, so scheint es mir jedenfalls, totenstill. Und ich habe das Gefühl, dass die ganze Gesellschaft nur auf mich schaut. Das Blut steigt mir in den Kopf und mir wird schlecht vor Groll. Als ich sehe, dass die Kollegen tatsächlich stumm ihren Kram wegräumen, packe ich, in meinem guten Anzug, und jetzt, neu, mit rotem Kopf und Schweißperlen auf der Stirn, auch mein Schlagzeug an und schleppe es ins Kabuff. Der Sohn kommt hinterher. Es täte ihm leid, aber dem Alten habe es nicht gefallen, da könne man nichts machen. Dann drückt er jedem von uns die vereinbarte Gage in die Hand, dreihundert Euro, pro Person. Wir könnten gerne noch bleiben, was vom Büffet nehmen und etwas trinken. Ich habe inzwischen den Schock überwunden, bin jetzt stinksauer, entscheide mich aber ob unserer personellen und kräftemäßigen Unterlegenheit dagegen, ihm zu sagen, dass er sich sein Büffet sonst wohin stecken möge und lehne dankend ab.
Die zweite Band hat angefangen zu Spielen. Die Gäste essen und plaudern. Ich sehe zu, dass ich mich vom Acker mache. Immerhin dreihundert Euro reicher. Auch nicht so schlecht, für einmal „Autumn Leaves“.