Bernds BBQ Kanal heißt: „Bernd’s BBQ Kanal“. Angefangen Videos zu drehen hat er mit einem Gasgrill vom Baumarkt auf seinem Balkon, mehr aus Jux. Bernd grillt einfach für sein Leben gerne. Eine seiner schönsten Erinnerungen aus seiner Kindheit in der DDR: Sommerabende im Schrebergarten, die Luft prall von Holzkohle- Rauch und Fett. Bratwürste, Cevapcici, Nackensteaks. Essen, das war auch immer Trost und Weltflucht aus dem eintönigen, reiz-armen Alltag. Heute ist Bernd Grill-YouTuber in Vollzeit.
Auf seinem Haupt-Kanal folgen ihm eine halbe Million Menschen. Und nochmal zweihunderttausend auf Instagram und TikTok. Seinen Job bei einer Versicherung hat er an den Nagel gehängt und die Wohnung mit Balkon gegen ein Haus mit Garten im Berliner Umland getauscht. Bernd grillt, sprichwörtlich, alles, was Beine hat, außer Tischen und Stühlen. Jeden zweiten Tag ein Video plus Specials macht knapp 1500 Grillvideos in sieben Jahren. Die Community will bei Laune gehalten werden, denn die Konkurrenz von Typen, die wie Bernd, die davon träumen, davon zu leben, sich beim Grillen und Essen zuschauen zu lassen, ist groß. Bernd wirkt wie das exakte Abbild seiner Zuschauer: Männlich, Anfang vierzig, bodenständig, durchaus clever und geschäftig, aber doch auch schlicht in seinen Ansichten. Ein Typ wie Du und ich, mit extragroßem Fleisch-Appetit. Einer, mit dem irgendwie jeder klarkommt. Und seine Zuschauer (und hier gibt es wirklich keine*innen) beamen sich nur zu gerne in eine Welt, in der Fleisch-Essen noch keine Sauerei, sondern einfach nur Freude bedeutet, ganz ohne den ganzen Öko-Kram, ohne nervige Tierwohl-Diskussionen, Grillgemüse, Tofu-Bratlinge und den anderen Mist.
Darin liegt das wirkliche Geheimnis von Bernds Erfolg: In seinen Videos ist die Welt einfach, Männer dürfen Männer sein und man hätte Bernd einfach gerne als Kumpel. Der Sub-Kontext: Politik, Krieg, Corona, Klimawandel, Gender-, Bio-, Öko-, Veggie- und sonstige Diktaturen: Einfach mal Fresse halten! Bernd grillt und smoked und schmort und frittiert: Rindfleisch in jedem Aggregatzustand, ganze Spanferkel, einen Ziegenbock im Brot-Ofen, Krokodil, Känguru, Bieber aus dem Oderbruch, Hühner und Enten, zur Not, wenn es der Sponsor will, auch mal ein Stück Fisch, für die Mädels. Am Ende jedes Videos gibt es den Money Shot: Das Stück Fleisch, mindestens fünf, gerne auch mal zehn Kilo, wird in Nahaufnahme angeschnitten. Saft läuft aus dem wie immer perfekt rosa gegarten Braten, alternativ fallen low & slow gegarte Stücke ohne Widerstand vom Knochen. Dann nimmt sich Bernd ein Probierstück, welches von der Größe her locker als Hauptgericht durchgehen könnte und schiebt es sich in den Mund. Er kaut, schließt die Augen, stöhnt und grinst. „Mega“ sagt er. In seiner Mundart gibt es kein „g“, nur „j“. Es klingt wie „Meeja“. Steigerung „Meeja-jeil“. Extra-Steigerung, beim vergoldeten Kobe Fleisch, das Kilo 2000 €: Augen zu, ein Zittern geht durch Bernds ganzen Körper, Closeup auf die Gänsehaut. Food-Videos funktionieren wie Pornos: Vorspiel, Action und am Schluss: Der nasse Höhepunkt in Großaufnahme.
Wie viele Grills Bernd inzwischen hat, weiß er selbst nicht mehr so genau. Dreißig? Fünfzig? Gasgrill, Feuerplatte, Dutch Oven, Riesen- Keramik-Grill, Holzkohlegrill, Holzofen, Drehspieß, Smoker, Kugelgrill, Kontaktgrill, Beefer. Innenküche. Außenküche. Dazu zwei Garagen voller Zubehör, vom obligatorischen schwarzen Gummihandschuh bis zum Grillschwert. Und drei riesige Gefriertruhen voller Fleisch, das meiste vom „Polenmetzger“ jenseits der nahen Grenze. Grillen, das ist heute ein Bomben- Geschäft. Wie bei allem, was richtige Männer so machen, geht’s vor allem um Technik. Und Wettbewerb. Bernds Sponsoren-Liste reicht vom Discounter bis zum Edelfleisch-Versand. Und in der Wahl seiner Partner ist Bernd flexibel, zur Not gibt’s auch mal das große Aldi-Grillpaket. Auch „meeja-jeil.“ Ob man das gut findet, müsse jeder selbst entscheiden, hier geht’s ums Grillen und schmecken tut’s auf jeden Fall. Neulich, beim Real- Talk an die Community: „Natürlich hab ick meene Jrenzen. Aber je nach Angebot, sind die halt ooch flexibel.“ Das sei doch, wenn wir mal ehrlich sind, bei uns allen so.
Es ist heiß, die Sonne knallt. Bernd hat über die Jahre ganz schön zugelegt. Irgendwer muss die das ganze Zeug ja schließlich auch essen. Das Fleisch wächst ihm langsam über die Augen. Dick ist er trotzdem nicht wirklich. Dank Fitessstudio eher gnubbelig-feist. Sein kugelrunder Kopf sitzt auf dem strammen Nacken, die kleinen Augen blinzeln heute müde und dunkel umrandet aus dem Mondgesicht. Schweiß läuft ihm über die Stirn. Die Hitze, das viele, viele Fleisch, der Druck, immer liefern zu müssen, die zunehmend giftigeren Kommentare der wachsenden Community. Ein Video, das knallt muss her. Eine von Bernds Spezialitäten: „Grillen verrückt“. Guilty Pleasures. Bernd stopft geräucherte Würste in Hühnerbrüste, sicher zwanzig Stück („die schmecken eh nach nix“), reibt alles mit einem halben Kilo seiner Spezial-Gewürzmischung ein, dann ab in eine Form. Darüber: Hollandaise aus dem Tetrapack, BBQ-Soße und zur Krönung fertig geriebener Industriekäse. Ab in den Grill, Deckel zu. Als es fertig ist, sieht Bernd, der sich früher immer wie ein Kind aufs Probieren gefreut hat, erschöpft und mutlos aus. Er weiß auch nicht, woher das kommt. Er hatte doch immer so viel Spaß an Riesenportionen Fleisch und Käse und Soße. Und den ganzen Likes, den Grillkursen, Messen, dem schönen neuen Equipment. Der Käse zieht lange Fäden. Die Soße tropft ihm aufs T-Shirt. Mund auf, rein damit, „meeja-jeil“, bitte liken und subscriben, bis zum nächsten Mal.
Als die Kamera aus ist, muss Bernd sich hinsetzen. Im Hintergrund surrt der Roboter-Rasenmäher. Die Luft ist fettgetränkt. Sein Kopf wummert. Einfach nur noch Grillen hat irgendwann nicht mehr gereicht. Wer nicht expandiert, geht unter. Erst kamen die eigenen Gewürzmischungen. Liefen wie bescheuert. Dann natürlich: Merch, vom T-Shirt bis zum Messer. Webshop, mehr Personal, mehr Kooperationen, mehr Druck. Doch es musste weitergehen, Bernd wollte ran an die richtig großen Brocken, einsteigen in den Fleisch-Versand. Noch mehr Personal, Kühllager, neuer Webshop, Online- Marketing, Kooperationen. Und dazu natürlich: Jeden Tag grillen. Die Community findet Bernd inzwischen nur noch so mittel. Sie neidet ihm den Erfolg, den ganzen Kram, den er angesammelt hat, dass er keinen Day-Job mehr hat, wie sie, sondern nur noch grillt und isst und isst und grillt und mehr und mehr Geld verdient. Die Kommentare gehen an die Substanz, immer öfter muss er sich wehren, die Angriffe werden immer persönlicher und verletzender. Eine Ader an Bernds Hals pocht, ihm ist schwindelig, sein Mund schmeckt nach geschmolzener Plastik, seine Haut dünstet sauer aus. Er müsste das Video jetzt gleich schneiden, ist eilig. Aber er kann nicht. Wenn er heute noch ein Stück Fleisch sieht, kann er für nichts mehr garantieren. Die Tonnen von Gusseisen seiner Grills und Bräter und Töpfe und das viele Tiefkühlfleisch in seinen Garagen drücken ihn in den Rasen.
Die Welt ist nicht mehr schön klar und fett und einfach, so wie sie es einmal war. Sie dröhnt und rast und kribbelt. Wie war er da nur hineingeraten? Er ist doch nur der Bernd, der für sein Leben gerne grillt.