Die Stadt kocht in der Spätsommerhitze. Heute ist der letzte Tag der Ferien. In die Rauchschwaden der Grills und die Musik aus den Handylautsprechern an der Isar mischt sich eine Prise Wehmut. Über das nahende Ende des Sommers, die Rückkehr ins Büro. Für Anton und Evi ist es ein ganz normaler Sonntag.
Und auch der unterscheidet sich wenig von den restlichen Tagen der Woche. Nur, am Sonntag läuft morgens Klassik im Radio und statt dem normalem Graubrot gibt’s Semmeln zum Frühstück, mit Gelee von den Johannisbeeren aus dem Garten. Jetzt, am Nachmittag zieht sich eine kleine Kolonne von Abkühlung Suchenden vorbei am Antons und Evis kleinem Haus an einem der Nebenarme des Flusses. Im Rest des Jahres kommen kaum Leute vorbei, höchstens mal ein paar Gassigeher oder Spaziergänger, die die ruhige Stelle inmitten der Stadt mögen. Nachbarn haben sie keine, weit und breit nicht. Das kleine gelbe, etwas brüchige Haus scheint vergessen vom allgegenwärtingen Drang zur Modernisierung. Alleine das Grundstück, unverbaubar und potenziell unbezahlbar. Ans Verkaufen gedacht haben sie. Es kümmert sie einfach nicht. Anton hat das Häusschen irgendwann von seinen alten Eltern übernommen, als die nicht mehr drin wohnen konnten. Zu eng die Gänge, zu steil die schmale Treppe hinaus zum Schlafzimmer unter dem schon lange nicht mehr ganz dichten Dach. Lange ist das her, inzwischen fühlt es sich so an, als seinen sie immer schon hier gewesen. Und tatsächlich sind sie fast immer hier. Anton verlor bei der Arbeit im Straßenbahndepot einen Unterschenkel. Ein ganz dummer Unfall, eigentlich unmöglich, aber passiert. Was soll man machen. Seitdem ist er daheim, kümmert sich um Haus und Garten. Es macht ihm nichts aus, nicht mehr so mobil zu sein, manchmal ist es ihm insgeheim sogar ganz Recht. Evi hat lange in einer Wirtschaft nicht weit von hier gearbeitet, mal als Bedienung, manchmal auch in der Küche. Sie weiß, was gut ist. Und sie kümmert sich gerne um ihren Anton. Vor drei Jahren war Schluss, der Laden machte dicht. Zu altmodisch, zu schlicht, zu teuer die Pacht und der Wirt konnte wohl auch nicht die Finger vom Schnaps lassen. Seitdem leben sie von Rente und Ersparnissen. Es reicht, denn sie brauchen nicht viel. Miete zahlen sie nicht und vieles zum Leben kommt aus dem kleinen Garten hinter dem Haus.
„Mach die Tür zu, die Hitze kommt rein“ ruft Anton. Selbst im Sommer ist es in ihrem schattigen Eckchen zwischen den hohen Weiden gut auszuhalten, im Haus ist es angenehm kühl. Im Winter, wenn der Wind durch die undichten Fenster und Dachziegel pfeift, kann es auch mal richtig kalt werden. Dann sitzen sie die meiste Zeit am Kachelofen. Herrlich, dann durch die kleinen Fensterchen den Schneeflocken beim Tanzen zuzuschauen. Doch der Winter ist noch ein Stück weg. Bald ist Herbst, die schönste Jahreszeit in Bayern. Evi hat zwei dicke Gurken aus dem Garten geholt, und ein Büschel Dill, an dem schon die ersten kleinen, gelben Blüten sprießen. Die findet Evi besonders schön. Und gibt sie immer mit in die Gläser, wenn sie die kleineren, knackigen Gurken einweckt. Ein Stückchen Sommer, konserviert, könnte auch fünfzig Jahre halten. Anton liebt Evis Gurkensalat. Er kocht auch ganz gut, seinen Schweinsbraten findet er zurecht Weltklasse. Aber den Gurkensalat kriegt er nie so hin. Vor allem werden die Gartengurken bei ihm immer ein bisschen bitter, bei Evi nicht. Er fragt sich, wie sie das hinkriegt und sie sagt nix. Sie weiß, dass man die Gurken immer vom Stil zu dem Ende hin schälen muss, an dem mal die Blüte hing. Anders herum verteilt man die Bitterstoffe, die sich vor allem dort sammeln. Das ganze Häusschen duftet nach Dill. Evi zieht die Gurke über die alte Reibe, gibt Salz dazu, drückt das Wasser aus den Gurken, dann saure Sahne, einen kräftigen Schuss Kondensmilch und Essig, Pfeffer, ein bisschen Zucker und reichlich frischen Dill. Auf dem alten Elektroherd blubbert ein Topf Kartoffeln, auch aus dem Garten, von diesem Jahr. Der süße Geruch der Kartoffelstärke mischt sich mit dem blumigen Aroma des Dills. Evi gießt die Kartoffeln ab, ihre Brillengläser beschlagen im Dampf. Sie drückt mit dem Daumen leicht auf eine Knolle die nachgibt und flockig aufplatzt.
Wenig später sitzen Anton und Evi am Küchentisch. Das Wohnzimmer ist zu klein für einen Esstisch. Macht nichts, brauchen sie zu zweit auch gar nicht und Besuch kommt selten. Aber vor einer Woche war Antons Bruder da und hat ein paar selbst geräucherte Forellen mitgebracht. Eine ist noch da. Anton pellt ein paar Kartoffeln, gibt auf jede ein Stück Butter, das langsam zu einem kleinen gelben See zerfließt. Dazu den Gurkensalat und ein Stück vom rauchigen Fisch. Er macht eine Flasche Bier auf und verteilt sie sorgsam auf zwei kleine Gläser. Draußen geht langsam die Sonne unter, beide essen schweigend. Es ist still im Haus, nur die Blätter rauschen leise im Wind und manchmal hört man einen Vogel. Anton und Evi lieben die Stille, die Kühle, das Grün der Bäume, das von Fenster in die Küche hinein leuchtet. Die Stadt, ja, die Welt scheint in diesen Momenten so weit weg, wie der Mond. Und für sie könnte es immer so bleiben.