ICE München – Berlin, Samstag, halb elf Uhr vormittags. Der Wagen ist voll. Neben uns am Tisch: Eine fröhliche Dreier-Gruppe von Männern Mitte vierzig. Kugelrunde Bäuche, bei gleichzeitig kompakt-festem Gesamt-Eindruck. Praktisch ansatzlos münden die strammen Oberkörper in kreisrunde, knallrot angelaufene, kahl geschorene Köpfe, aus denen fröhliche, eng zusammengekniffene Augen funkeln. Mächtige Pranken. Blaue, enge Pullover, die die ganze Kugeligkeit noch betonen, statt kaschieren. Hosen mit vielen Taschen. Handwerker, Techniker, Konstrukteure. Irgendwas mit Stahl, Rohren, riesigen Zahnrädern, Betonblöcken.
Aus dem Handy des Einen plärren russische Lieder. Die Vodkaflasche kreist. Immer wieder kleine Schlucke aus den mitgebrachten Bechern. Dazu: Grüner Speck und Wurst aus der Dose. Kein Brot. Die Männer erzählen, lachen, skypen mit ihren Frauen und Töchtern zu Hause. Die Deutschen drumherum schauen griesgrämig. Mich eingeschlossen. Ich ach so offener, toleranter Bio-Deutscher denke allen Ernstes: „Das ist doch hier keine Kneipe, typisch Russen schon wieder…“. Ein paar Minuten später schäme ich mich dafür. Sollen Sie doch, muss ja nicht jeder so einen Stock im Arsch haben, wie ich. Eh klar: Zugfahren in Russland, diesem Riesen-Reich, ist anders, als bei uns. Die Menschen sind oft tagelang unterwegs. Das Abteil wird zum Wohnzimmer, an den Bahnhöfen verkaufen Bauern und andere Händler Wurst, Speck, Brot, eingelegte Gemüse. Und so hockt man sich zusammen, trinkt und isst (immer parallel, damit man nicht schlapp macht), quatscht und vergisst für eine Weile die Sorgen und Mühen das Alltags. Auch unsere drei Tischnachbarn wirken gelöst, fröhlich, irgendwie im Reinen mit sich und dem Moment.
Ich muss eine ganze Weile rüber gestarrt haben, denn irgendwann treffen sich unsere Blicke. Ich fühle mich ertappt und lächele. Die drei strahlen aus feuerrot leuchtenden Gesichtern zurück. Und auch mein kleiner Hund Viivi ist gebannt von der Runde. Einer schneidet ein Stück Dosenwurst ab und hät es ihr hin. Sie verschlingt es dankbar. Mehr schüchternes Lächeln. Auch ich kriege jetzt ein Stück Wurst. Gut. Die drei sprechen kein Wort Deutsch. Und ich kein Russisch. Aber alles sagt in beide Richtungen: Wir kennen Euch zwar nicht, aber ihr scheint echt nett. Geht doch. Alles kein Problem. Ein Lächeln, ein Glas Schnaps, etwas zu Essen teilen, das versteht man überall. Wir tauschen noch ein bisschen Zeichensprache aus. Einer der Männer knuddelt Viivi, die sich das, sonst eher ängstlich, total gefallen lässt. Am nächsten Bahnhof müssen wir raus. Die drei steigen aus, um zu rauchen und bieten mir auch gleich eine Zigarette an. Hätte ich diesmal wirklich gerne genommen, einfach, um noch einen Moment mit dabei zu stehen und zu rauchen. Auch das verbindet.
Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, wird mir ganz warm und ich muss lächeln. Und gleichzeitig ist das alles im Licht der aktuellen Ereignisse umso trauriger. Im Grunde unseres Herzens wollen wir, so meine ich, mehrheitlich einfach nur in Frieden leben. Und die Menschen wollen einander auch nichts tun, im Gegenteil. Es sind die Umstände, die sie zu Feinden machen. Ich habe in meinem Leben nicht viele Russen persönlich kennen gelernt. Aber wenn, dann immer als unglaublich warmherzige, gastfreundliche Menschen, die immer teilen, viel lachen und, wenn auch oft mit einer inneren Schwere, und dem Wissen, dass die Welt ein kalter Ort sein kann, immer wussten, wie man feiert und den Moment genießt, wenn er gut ist.
ЗДОРОВЬЕ. Gesundheit. Prost.